Fehlgeburt - Schuldgefühle, Angst und Trauer

Fehlgeburt – Schuldgefühle, Angst und Trauer

Lena, 33 Jahre alt, betritt mit einem sanften Lächeln das Café, in dem wir uns treffen. Sie ist seit 2 Jahren mit ihrem Freund zusammen und wollte zunächst keine eigenen Kinder haben. Die Beziehung festigte sich und sie begann von einer kleinen Familie zu träumen. Schnell wurde sie schwanger. Die Reaktion war bei beiden kurz verhalten, dann zunehmend riesig, erzählt sie. Sie fingen direkt an über mögliche Namen zu philosophieren und im Kopf die Wohnung umzugestalten. Aus Freude wurde Euphorie und Lena war voller Hoffnung.

 

Fehlgeburt – Schuldgefühle, Angst und Trauer um das verloren gegangene Baby

 

Als ich Lena frage, wie die Schwangerschaft verlief, hält sie kurz inne. Ihr freundliches Lächeln verflüchtigt sich und eine tiefe Trauer legt sich über ihre Augen und Mundpartie. Ihre Stimme wird ruhig. Sie hatte 2 Fehlgeburten – die Erste bereits nach 5 Wochen, die zweite Fehlgeburt ein Jahr später nach 11 Wochen.

Geschichten, wie Lenas, gibt es Unzählige. Sie wiederholen sich immer wieder und doch spricht kaum jemand über Fehlgeburten. Zu groß ist der Schmerz, oft gepaart mit Schuldgefühlen – den Gedanken in der Schwangerschaft irgendetwas falsch gemacht zu haben. Vielleicht war es das Glas Wein noch bevor sie wusste, dass sie schwanger ist? Oder hatte sie zu viel Stress durch ihre Arbeit zugelassen? Hätte sie besser auf sich achten müssen? War die letzte Joggingrunde doch eine Runde zu viel? Noch schlimmer – passen sie genetisch einfach nicht zusammen? All diese Fragen schwirren wie eine Dauerschleife durch Lenas Kopf, gesteht sie. Sie verfolgen sie förmlich – auch im Schlaf. Schlafen tut sie seither nur noch unruhig.

Sie ist müde, erschöpft und fragt sich, ob es noch Hoffnung gibt. Sie ärgert sich manchmal auch darüber, dass sie sich überhaupt auf die Reise ein Kind zu bekommen, eingelassen hat. Kaum spricht sie das aus, schämt sie sich sichtlich und korrigiert die laut ausgesprochenen Gedanken. Lena erzählt von dem Druck durch ihre Familie, die nur darauf wartet, dass sie schwanger wird. Ihnen hat sie bis heute nichts von den zwei Fehlgeburten erzählt.

Auch hier befürchtet sie eine Verkettung von Ratschlägen, die mehr schlagen als helfen und den Druck nur noch unerträglicher werden lassen. Den hat sie auch ohne die Familie. Denn Lena und Tom wünschen sich so sehr ein Kind. Ständig kommen Kommentare von Freunden und Kollegen, ob sie nicht langsam auch mal ein Kind bekommen wollen. Wenn die wüssten, dass sie längst schwanger war und es in beiden Fällen nicht funktioniert hat, erwidert ihre innere Stimme.

Aber natürlich würde sie keinem Kollegen davon erzählen. „Wie übergriffig diese Frage ist, reflektieren die wenigsten. Sie wollen nur Interesse zeigen und meinen es sicher gut“, fügt sie hinzu. Nachdem ich ihre Geschichte höre, werde ich sogar wütend auf die Nachfragen und bewundere gleichzeitig ihre Gutmütigkeit im Umgang damit.

 

Auf einmal war da Blut

 

Auch körperlich gingen beide Fehlgeburten nicht unbemerkt an ihr vorbei. Lena fängt an von ihrer ersten Fehlgeburt zu erzählen. Zunächst bemerkte sie nur, dass sie plötzlich und grundlos wirklich schlecht drauf war. Am gleichen Tag entwickelten sich Krämpfe in ihrem Unterleib, die ähnlich den Periodenbeschwerden waren, die sie kannte. Als sie immer stärker wurden und sie spürte, dass sie blutete, rannte sie auf die Toilette. An diesem Tag war sie bei einem befreundeten Paar zu Besuch. Eine Stunde verbrachte sie in diesem fremden Badezimmer, lag zwischendurch mit kaum aushaltbaren Krämpfen auf dem kalten Fliesenboden, dann saß sie wieder lange Episoden auf der Toilette und blutete vor sich hin.

Sie hatte Angst, dass es nie aufhört, erzählt sie mit gläsernen Augen. Schnell war ihr klar, dass sie eine Fehlgeburt hatte. Ihre Freundin klopfte zwischendurch immer wieder an die Badezimmertür und erkundigte sich nach ihr. Als die Krämpfe und die Blutung nachließen, weinte sie still vor sich hin. Nach einer Stunde verließ sie das Badezimmer, setzte sich zu ihren Freunden an den Esstisch und sie redeten über das geplante Abendessen.

 

Tabuthema Fehlgeburt

 

Fehlgeburten gehören in unserer Gesellschaft zu einem der großen Tabuthemen. Dabei endet etwa jede 5.-6. Schwangerschaft durch natürliche Ursachen in einer Fehlgeburt. Aber nicht immer sind die Symptome so deutlich, wie Lena sie beschreibt. Viele schwangere Frauen erleben Fehlgeburten noch bevor sie von ihrer Schwangerschaft erfahren. Die Dunkelziffer wird demnach noch größer sein. Dabei sind die Gründe für Fehlgeburten nicht immer eindeutig erklärbar. Bei Aborten bis zur 12. Schwangerschaftswoche wird oft von Fehlbildungen und Erbkrankheiten als Ursache ausgegangen. Hingegen sind bei Fehlgeburten, die zwischen der 13.SSW – 20.SSW auftreten, oft auch gar keine Ursachen ermittelbar.

 

Risikofaktoren für Fehlgeburten

 

Während dessen die beschriebenen Handlungen, wie das Glas Wein, das Lena getrunken hat, noch bevor sie sich einer Schwangerschaft bewusst war (in der Regel vor der 4.SSW), oder die übliche Joggingrunde fast nie die Ursache für eine Fehlgeburt sind, gibt es Risikofaktoren, die eine Fehlgeburt begünstigen können. Dazu zählen die Folgenden:

  • Das Alter: ab 35 Jahren nimmt die Wahrscheinlichkeit für Fehlgeburten zu
  • Konsum von Alkohol, Zigaretten und anderen Drogen
  • Über- & Untergewicht der Frau
  • Mangel an Mikronährstoffen & stark einseitige Ernährung (Mehr dazu: Mikronährstoffe für die optimale Fruchtbarkeit)
  • Schlecht eingestellte Schilddrüse bei Unterfunktion (Hypothyreose) oder Überfunktion (Hyperthereose)
  • Schwere Verletzungen z.B. nach Unfällen
  • Fehlbildungen der Gebärmutter, Plazenta, Gebärmutterhalsschwäche (Zervixinsuffizienz)
  • Diabetes, unbehandelt oder schlecht eingestellt
  • Infektionen, wie Röteln oder Zytomegalie
  • Chromosomenanomalien
  • Starke psychische Belastung

 

In guter Hoffnung

 

Lena und Tom haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Lena hat sich mittlerweile Hilfe gesucht, um mit ihrem Schmerz über den Verlust umgehen zu lernen. Dazu redet sie regelmäßig mit einer Therapeutin, die ihr die Schuldgefühle nimmt und ihre Angst vor einem erneuten Verlust einfängt. Bei ihr kann Lena offen reden und kriegt neue Gedankenimpulse. In einer schönen Zeremonie hat sie beide Frühgeburten mit ihrer Therapeutin verabschiedet und seither viel mit ihrem Partner Tom darüber gesprochen.


In einem halben Jahr wollen sie es nochmal versuchen. Alle guten Dinge sind drei, sagt sie und lacht jetzt wieder herzlich. In ihren Augen gibt es noch kleine Zweifel. Man muss schon sehr aufmerksam sein, um die Nuancen in ihren Emotionen lesen zu können. Wir verabschieden uns in guter Hoffnung.
 

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